Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Ich fotografiere also bin ich – die existenzialistische Seite der Fotografie

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Ich esse also bin ich. So kann man seine Existenz spüren und ihr dadurch auch einen Sinn geben. Aber das ist nur eine Variante im Bereich der menschlichen Möglichkeiten.

Sie können sich denken, dass an dieser Stelle kein Artikel über das Essen folgt sondern eher das Essen als Motiv dienen könnte für schöne Fotos.

Wenn man fotografiert, dann kann die Fotografie aber auch helfen, die eigene Existenz nicht nur im Magen zu spüren sondern durch das Festhalten von visuellen Eindrücken zu erleben.

Damit haben wir dann eine andere Ebene erreicht, die Ebene des existenziellen Erlebens mit Hilfe der Fotografie.

Dies möchte ich nachfolgend erörtern.

Sisyphos

Alles beginnt dabei für mich mit Sisyphos als Symbolfigur für die Absurdität der menschlichen Existenz.

„Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen.“

Dieser Satz von Albert Camus zeigt mir dann wie unsere Welt gesehen werden kann.

Sisyphos rollt unablässig einen Stein den Berg hinauf. Und wenn er fast oben angekommen ist, rollt der Stein wieder runter.

Es ist die „Allegorie auf die Conditio Humana“, die damit beschrieben wird.

Man könnte auch sagen, wer ein sinnloses Leben nicht leben kann, der sollte sich umbringen.

Das ist die Frage nach dem Selbstmord, die Camus in seinem Essay zu Sisyphos so klar beschreibt.

Und Fotografie?

„Fotografie ist eine Lebensart.“

Dieser Satz von Henri Cartier-Bresson soll uns tiefer in das Thema führen.

Fotografie kann dabei helfen, die Absurdität der eigenen Existenz festzuhalten.

Dabei muß man nicht ununterbrochen fotografierend die Strasse entlanglaufen. Aber man kann sein Leben auf verschiedene Weise mit der Fotografie verbinden.

Die wesentlichsten praktizierten Lebenswege mit der Fotografie sind aus meiner Sicht:

  • Der Versuch „das Erlebnis des Augenblicks“ festzuhalten und dadurch zu spüren, dass man lebt. Dies war der Ansatz, den die Provoke-Bewegung in Japan hatte. Bis heute wird dies vielfach praktiziert.
  • Die Sichtweise der Surrealisten. Sie gingen durch Paris und erlebten die Welt in einer dynamischen Form. Diesen Moment der Dynamik wahrzunehmen und festzuhalten – malerisch, literarisch oder fotografisch – war das, was die Fotografie dann mit dem Apparat ermöglichte.
  • Die Gestaltung eines Moments mit Fineart-Streetphotography und das Abwarten bis der Zufall diesem Moment eine entscheidende Bedeutung gibt. Der Meister dieser fotografischen Arbeitsweise war Henri Cartier-Bresson, so daß die Welt mit Hilfe der Fotografie als Mischung aus Gestaltung und Zufall festgehalten werden konnte.

So kann die Fotografie ein Mittel werden, um das eigene Leben bewußt zu leben, also das Da-Sein wahrzunehmen.

Ich gebe allerdings zu, daß diese Ausführungen nur für die wenigsten Menschen jemals relevant werden, weil für die meisten Menschen die Fotografie die Nachfolge des Schreibens als visueller Text angetreten hat.

Dabei geht es weniger um die individuelle Lebensphilosophie als um Kommunikation im digitalen Alltag in sozialen Netzwerken mit Smartphones.

Da der Mensch aber den Inhalten der Welt selbst eine Bedeutung gibt, kann er auch bestimmen, welche Bedeutung die Fotografie für das eigene Leben besitzt und wie sie Teil der eigenen Lebenswelt sein kann.

Das ist übrigens ein wesentlicher Unterschied zu der Zeit vor der Erfindung der Fotografie.

Zivilisation und Kultur

So ändern sich die zivilisatorischen Bedingungen aber nicht die kulturellen Fragen, denn die Frage nach Leben und Tod bleibt unabhängig vom Stand der jeweiligen Zivilisation bestehen.

Man kann nur anders damit umgehen ohne sie zu ändern.

Daher bleibt auch die Frage nach der Absurdität der eigenen Existenz unabhängig von der Frage der Fotografie bestehen.

Man kann aber heute beides miteinander verbinden – wenn man will.

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One Comment

  1. michael says:

    Das ist einer meiner Lieblingsartikel

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