Der Spaziergang und die Strassen-Fotografie

Der Spaziergang und die Strassen-Fotografie

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„Ein Spaziergang kann, beraten von Aristoteles’ Nikomachischer Ethik, als die praktische Tätigkeit schlechthin gedeutet werden. Das Telos der Handlung ist im selbstgenügsamen Akt des Alleine-Gehens schon enthalten. Dass sich Spaziergänge ohne vorgefasstes Ziel klärend auf die Gedanken auswirken können und manche Einfälle sich dem in freier Natur alleine bewegten Körper verdanken, rührt traditionell an den peripatetischen Mythos, der einst in Athen zu einer philosophischen Schule des Denkens und Diskutierens im Gehen gemacht wurde.“

Mit diesem Gedanken von Volker Gerhard Hummel möchte ich das Thema eröffnen.

Zufälle

Strassenfotografie ist ohne Zufälle nicht möglich. Zufälle setzen eine Situation voraus, in der Zufälle gesehen werden können. Wer zu hause sitzt kann keine zufälligen Situationen draussen fotografieren. Das Wort „Gesehenes“ verweist auf das eigentlich Wichtige. Und etwas sehen kann man nur, wenn man unterwegs ist.

Unterwegs zu sein bedeutet aber eben nicht selbst zu fahren. Damit wäre genau das nicht möglich, was wesentlich ist: das Wahrnehmen von Situationen. Das kann man als Mitfahrer und als Fußgänger.

Dabei bietet sich der Spaziergang an und das Flanieren.

Wobei natürlich alles schon sprachlich durchdacht und besetzt ist. Wer sucht findet viel. Beim Flanieren gibt es drei Dinge, die meistens genannt werden.

  • Flanieren können nur Männer,
  • Flanieren war im 19. Jhrdt. die Zurschaustellung der eigenen Person im öffentlichen Raum und
  • Flanieren ist die städtische Abwandlung des Spaziergangs, der durch die Natur führt.

Ich lasse dies alles so stehen und wende mich dem zu, was ich für wichtig halte.

Es geht mir um ziellose Entdeckungsspaziergänge mit wachen Sinnen. Das ist nicht unbedingt Flanieren, kann es aber auch sein.

Die Surrealisten, die durch die Passagen von Paris gingen, erlebten die Welt auch in einer dynamischen Form. Walter Benjamin wurde davon inspiriert und sah im Flaneur den Menschen, der sich gegen die „aufkommende arbeitsteilige Wirtschaftsordnung“ wehrt (s.o.).

Und es kann sein, dass nur durch diese Art unterwegs zu sein – und nur weil die Kamera einfach dabei war – auch die Strassenfotografie als Massenphänomen entstand.

Das ist heute übrigens wieder so, weil jedes Handy eine Kamera eingebaut hat.

Spaziergänge als Übergänge

Aber es gibt in meinen Augen noch einen Aspekt. Der Spaziergang ist immer auch ein Übergang. Es wird zugelassen, dass man in Bewegung ist und damit wird auch die Dynamik freigelassen.

Wer dann seinen eigenen Gedanken hinterherhängt, der nimmt etwas mit und verarbeitet es vielleicht.

Wer einfach mit offenen Augen durch die Welt geht, der nimmt mehr von der Dynamik um sich herum wahr.

Dahinter verbirgt sich dann eine ganze Lebenshaltung.

  • Denn wer zuläßt hat vorher losgelassen.
  • Wer offen ist, hat vorher aufgemacht.
  • Wer sich bewegt, hat vorher den Stillstand beendet.

Strassenfotografie ist dann eine Art die Welt zu sehen und die Begegnungen mit der Kamera festzuhalten.

Jeder sieht anders. Ortega y Gasset beschrieb das einmal so: „Die Wirklichkeit jedoch kann nur von dem Blickpunkt aus betrachtet werden, der einem jeden innerhalb des Alls vom Schicksal zugewiesen ist.“

Und deshalb sind auch die Fotos immer wieder anders als die der anderen, wenn sie aus der eigenen Perspektive aufgenommen wurden.

Aber bis dahin ist es ein weiter Weg. Und den muß man erst gehen. Wie Sie fotografisch weiterkommen finden Sie in vielen Artikeln hier.

In diesem Sinne

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