Das Doppelpotential der Fotografie und der Fotopublizismus

Das Doppelpotential der Fotografie und der Fotopublizismus

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Das Doppelpotential der Fotografie ist als Begriffsspiel nicht von mir. Vielmehr handelt es sich um den Beginn eines Satzes von Susan Sontag: „Das Doppelpotential der Fotografie – daß sie imstande ist, Dokumente hervorzubringen und Bildkunstwerke zu schaffen – hat Anlaß zu einigen erstaunlichen Übertreibungen dessen gegeben, was Fotografen tun oder lassen sollen. Die Übertreibung, die uns in letzter Zeit am häufigsten begegnet, besteht darin, die beiden Potentiale der Fotografie als gegensätzliche Kräfte zu betrachten.“

Damit sind wir mitten in einer der interessantesten Diskussionen der heutigen Zeit gelandet. Dabei geht es weniger um Kunst und Dokumentation als um Wirklichkeit und Inszenierung.

Fast alle Schulen für Fotojournalismus und Fotografie schreiben heute, daß es nicht mehr um das Einfangen von Momenten geht sondern um das Aufbereiten von Realität durch Inszenierungen.

Das andere „Extrem“ sind Dokumentaristen, die ohne Geometrie oder anderen Formen der Strukturierung eines Fotos arbeiten.

Aber es gibt auch die Kombination von klassischen Momentaufnahmen mit ästhetischer Gestaltung. Daraus entstehen dann schöne Fotos, die neben ihrer starken dokumentarischen Wirkung auch eine sehr visuelle und ästhetische Attraktivität haben.

Ein Beispiel für diese Art von Fotojournalismus und Dokumentarfotografie ist sicherlich Ursula Meissner.

Sie arbeitete oft in Kriegsgebieten und macht oft einfach gute Fotos, die über die nackte Aufnahme hinausgehen und dem Ganzen eine geometrische und visuelle Gestaltung mit Vordergrund/Hintergrund, Farbe und Bokeh geben, die sehr anschaulich ist.

Damit schöpft sie das Doppelpotential der Fotografie so aus, wie es Sontag meinte.

Annie Leibovitz ging vor kurzem genau den anderen Weg. Sie setzte Models in Szene, um fotografisch den Hurrikan Sandy nachzuspielen, der New York besuchte.

Der Dritte im Bunde, den ich nennen will, ist ein Mann.

Es ist Edward Burtynsky, dessen industrielle Aufnahmen den Reiz des dokumentierten nicht mehr beherrschbaren Zauberlehrlings Technik kombinieren mit visueller Attraktivität. Man kann hier eben auch Sozialkritik ästhetisch aufhängen.

Eher spontan und klassisch fotojournalistisch arbeitend schätze ich nur Ursula Meissner ein, modemäßig ist Annie Leibovitz und langfristiges Fotografieren ist das Feld von Edward Burtynsky.

Mir fehlt hier noch Sebastiao Salgado. Über den ist aber schon so viel geschrieben worden, daß ich mir hier weitere Worte spare.

Alle sind sicherlich Weltklasse und alle haben – ob bewußt ode unbewußt – Susan Sontag umgesetzt.

Aber jede/jeder tut dies auf ihre/seine ganz eigene Art.

Eigentlich müßte ich jetzt noch über mich schreiben, weil ich meine Fotos teilweise ebenso voller doppeltem Potential sehe. Ich bin aber leider nicht kommerziell anerkannt, weil meine Authentizität mit einer unbequemen humanitären Sozialkritik zusammenfällt, die sich aus dem Dokumentieren der Wirklichkeit ergibt als Fotopublizismus jenseits des bisher praktizierten Fotojournalismus.

So ist auch hier wieder einmal sehr deutlich zu sehen, daß es neben aller Theorie letztlich auf den Menschen ankommt, der fotografiert.

Das ist dann der Stil, der aus dem Wort Doppelpotential fotografische Wirklichkeiten macht.

Text 1.1

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